Wir Richtigmacher

Veröffentlicht am Autor sabinebrandi1 Kommentar

 

Es gibt keinen Zufall – schon gar nicht beim Formulieren. Deshalb springt stets meine „Warum DAS genau JETZT?“ Erklärungssuchmaschine an, wenn eine Redewendung ihren Weg macht. Wenn plötzlich alle etwas verwenden, was sie vorher nicht verwendet haben. Die Neunziger zum Beispiel, als wir frisch vereinigt auch sprachlich das gesamtdeutsche Neuland betraten, da sagten wir „mal“. Ganz vorsichtig – bloß nix falsch machen – „Du – das sag ich mal“ – wurde bald durch eine noch deutlichere Relativierung gesteigert: „das sag ich mal SO“ – (wir lernten: das hätte er oder sie auch anders sagen KÖNNEN, wollte sich also nur bedingt festlegen) und bekam als Krönung noch ein zeitliches Korsett: „Du, das sag` ich JETZT einfach mal so – ein Stück weit“.

Die Älteren unter uns werden sich erinnern – aus diesem ängstlichen nagel-mich-bloß-nicht-fest-Inferno haben wir uns dann langsam auf den Weg in Richtung eines festeren Bodens gemacht. „Mit Sicherheit!“ war zum Beispiel ein solcher Meilenstein der sprachlichen Selbstvergewisserung – noch gar nicht so lange her ist das heftig überall hinten dran gesetzte „Isso!“

In diesen Tagen höre und lese ich nun an jeder Ecke eine Formulierung, die deutscher nicht sein kann: „alles richtig gemacht!“. Zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe der in allen Zügen ausliegenden Bahnpostille „mobil“ hat Schauspielerin Martina Gedeck „alles richtig gemacht“. Ein hungrig aufgegriffenes Mantra für die Falschmachergesellschaft. Denn dieses Trauma sitzt möglicherweise nicht nur mir in den Genen: Nazi-Eltern, die 1000prozentig sicher waren, endlich und unumstößlich DAS RICHTIGE zu machen, alles zu geben für „die richtige Sache“, das „richtige Ziel“. Und dann – aufgewacht aus dem Rausch des Herrenmenschen – wurde ihnen klar: sie hatten alles, aber auch alles falsch gemacht. Die Gründlichen, die Pünktlichen, die Genauen, die, die „made in Germany“ groß gemacht hatten – alles Falschmacher. Vor diesem Hintergrund höre ich „alles richtig gemacht“ als interessante Wegmarke der sprachgewordenen kollektiven Befindlichkeit.

Aber kann man das machen? Eine kleine Redewendung, die wahrscheinlich wie eine Mode ihre Runde macht, so mit Bedeutung überfrachten?? Sogar noch einen Tunnel zur Nazi-Vergangenheit graben? Vielleicht kann man das. Oder auch nicht. Am Ende dieses Eintrags wird jedenfalls ganz bestimmt nicht stehen: alles richtig gemacht!

Ein Kommentar zu Wir Richtigmacher

  1. ch sach ma so, ein Stück weit: Moin Frau Brandi!
    Solches Gefasel habe ich immer noch vom damaligen SPD-Hoffnungsträger und verfolgter Unschuld Björn Engholm im Ohr.
    Ein tiefer Zug aus seinem Rotzkocher verschaffte im dann die nötige Zeit um über die nächsten abzusondernden Banalitäten nach zu denken.
    Aber eigentlich wollte ich etwas ganz anderes und weil ich gerade sehe, dass du mich nach „Hinterlasse eine Antwort“ duzt, schreibe ich jetzt einfach mal so:

    Liebe Sabine,
    mit großer Freude konnte ich deine Arbeit bei einer großen Kölner Anstalt über Jahrzehnte verfolgen und aktuell ist WDR5 wieder Standard im Radiowecker. Danke für die vielen interessanten Stunden mit deiner sexy Stimme.

    Huch – ist mir jetzt was Schlimmes herausgerutscht ?
    Jetzt bin ich endlich beim Thema, dass mich seit Brüderles Verdammung als verbaler Föttschesföhler umtreibt.
    Ich bekomme die ganzen Aufgeregtheiten einfach nicht mehr auf die Reihe und erhoffe mir von dir ein erhellendes Wort.
    Den Brüderle habe ich übrigens altersmäßig schon einige Jahre hinter mir gelassen, möglicherweise ist das der Grund für mein Unverständnis.

    Darf ein Mann eine Frau nicht mehr als Frau erkennen und bei Gefallen ihr das auch sagen, besonders wenn er mit ihr an einer Bar hockt ?
    Sicher müssen sich Komplimente nicht gleich auf sekundäre Geschlechtsmerkmale beziehen. Vermutlich hatte Brüderle schon zu tief ins Glas geschaut um feinsinniger zu Werke zu gehen.
    Aber eine selbstbewusste Frau sollte schon in der Lage sein eine solche Situation entweder mit Ironie „Oh Danke…“ oder einer Backpfeife zu bereinigen. Oderr?
    Alles Gute
    Dein Fan Hans

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


*